12 Tipps für Mütter, deren Baby auf der Neugeborenen-Intensivstation sein muss

 

Wenn es anders kommt als man denkt und sich wünscht und das Baby nach der Geburt auf die Neugeborenen-Intensivstation muss, dann bedeutet das für die Mutter und den Vater eine sehr große emotionale Belastung. Die Gründe für einen Aufenthalt auf der Neo-Intensiv sind vielfältig: Frühgeburt, Komplikationen bei oder nach einer schwierigen Geburt und Erkrankungen bzw. Störungen, die sich in den ersten Lebenstagen zeigen.

Der Aufenthalt kann wenige Tage oder aber auch mehrere Monate dauern. Eine Zeit des totalen Ausnahmezustandes. Das gemütliche Wochenbett und kuschelige Kennenlernen im häuslichen Babymoon? Fehlanzeige!

 

Stattdessen gibt es da die überwältigende Angst um die Gesundheit seines Babys und lange Tage, die man neben dem Inkubator oder dem Wärmebettchen verbringt. Eingepfercht in die strukturellen Abläufe der Station. Als frischgebackene Mutter in dem typischen nachgeburtlichen Hormontaumel, oft auch noch an der Milchpumpe, in der Hoffnung genug Muttermilch zu produzieren. Vielleicht auch noch geplagt von den körperlichen Strapazen der Geburt. Dann möglicherweise auch noch zerrissen zwischen dem einen Kind im Krankenhaus und dem(n) älterem(n) Geschwisterkind(ern), das (die) daheim wartet(n).

Ein Zustand, der sich so anfühlt, als ob die letzten Kraftreserven aus einem gesaugt werden. Es stellt sich die Frage wie man diese Zeit als Mutter am besten übersteht?

 

Susanne Bürger hat diese Situation selbst erlebt. Ihre Erfahrungen hat sie in ihrem Buch “Wenn das Leben intensiv beginnt: Ein Elternbegleitbuch für die Zeit in der Kinderklinik”.

In diesem Beitrag darf ich sie als Gastautorin begrüßen. Sie gibt darin Müttern, deren Baby sich auf der neonatologischen Intensivstation befindet, 12 hilfreiche Tipps zur Bewältigung dieser Zeit:

 

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Liebe Mama, vielleicht wechselt ihr euch gerade ab und nur einer von euch sitzt gerade neben dem Inkubator auf der Neo-Intensiv. Dein Partner ist vielleicht bei einem weiteren
Geschwisterkind. Vielleicht bist du aber auch als Mama allein in der Situation mit deinem
Frühchen und mußt alles ohne anwesenden Papa meistern.

Dein Zuhause ist weiter entfernt und die nächstgelegene Kinderklinik ist gar nicht bei dir um die Ecke, sondern über 100 km entfernt. Die Situation in der du gerade bist ist sehr individuell, aber eins vereint alle Mamas von Frühchen – eure Babys wollten anders ins Leben starten!

Manchmal nur ein paar Wochen, manchmal als Extrem-Frühchen um die 25. Woche herum mit einem Gewicht deutlich unter 1000g.

Deine aktuelle Lebenssituation lässt sich für Aussenstehende kaum mit Worten beschreiben.
Medizinisch ist jedes Frühchen in Europa bestens versorgt. Doch was das für dich als Mama
heißt, dein Baby im Inkubator an verschiedenen Schläuchen und verkabelt zu sehen, winzig und so zart, daß kann man selbst in der Situation selber kaum greifen.

Ich nenne es immer den „Funktionsmodus“. Du kannst etwas essen, schlafen und trinken und deine eigenen Basisgrundbedürfnisse abdecken. Die tiefe Sorge und Hilflosigkeit der meisten Mamas führt dazu, daß im Gehirn nur die rechte Gehirnhälfte, die für den nonverbalen/emotionalen Akt zuständig ist, aktiviert ist. Das führt dazu, dass höhere Funktionen wie Vernunft und Affektregulierung nicht verfügbar sind.

Es ist eigentlich beruhigend zu wissen, daß du aktuell gar nicht wirklich mehr leisten kannst, als das was du gerade tust: Bei deinem Baby sitzen oder wenn medizinisch erlaubt ist, zu känguruhen.

Dein Grundbedürfnis von Nähe und Mama-Sein ist nicht so möglich, wie du es dir ausgemalt hast. Stattdessen sind Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst oder übergroße Sorgen deine täglichen Begleiter.

Da ich mit vielen Müttern gesprochen habe, die diese Zeit schon gemeistert haben und ich selbst eine eigene Klinikerfahrung mit einem kranken Neugeborenen bewältigen musste, habe ich hier einen kleinen Erste-Hilfe-Koffer für dich zusammengetragen:

 

12 Tipps für Mütter, deren Baby auf der Neugeborenen-Intensivstation sein muss

 

1. Hilfe – Hole dir dringend Unterstützung in jeder Form!
Ob es die andere Mutter ist, die das Geschwisterkind mit aus dem Kindergarten oder der Schule abholen kann. Die Nachbarin die einmal die Woche mit einkauft etc.. Du wirst sehen, daß die vielen kleinen Dinge im Alltag in der Summe eine Menge bewirken können.

 

2. Rede – Spreche über dich und deine Gefühle
Alles was dich bedrückt, solltest du nicht runterschlucken und mit dir ausmachen. Ich rate dir dringend, über deine Sorgen und Ängste und Trauer (ja auch Trauer über eine nicht rosarot verlaufene Schwangerschaft löst Trauer aus).
Manchmal gibt es PsychologInnen oder TheologInnen in größeren Kliniken, die Gespräche
anbieten. Deine Hebamme kann ebenfalls ein guter Gesprächspartner sein. Runtergeschluckte und verdrängte Gefühle sind unsere körperlichen Blockaden von morgen. Daher weine, sei traurig, wütend…Alles darf sein und braucht Raum.

 

3. Schreibe!
Hast du in bestimmten Situationen niemanden zum Reden und das Gedankenkarussel dreht sich zu schnell, dann schreibe ein Tagebuch. Das muß alles nicht vorzeigbar sein und du darfst alle Worte verwenden, die dir sonst nicht so leicht über die Lippen kommen. Ein Brief an dein Baby ist auch eine schöne Form, um auch hinterher die Zeit gemeinsam verarbeiten zu können.

 

4. Schlafe!
Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst. Du musst genug schlafen. Dein Baby ist nachts bestens versorgt und du mußt den Akku aufladen, weil du sonst tagsüber nicht für dein Baby auf Dauer da sein kannst. Sollte eine Unterbringung bei deinem Baby schon erlaubt sein, schau gut auf dich und deine Energie. Manchmal tut eine durchgeschlafen Nacht außerhalb der Klinik wahre Wunder.

 

5. Vermeide lange Wegstrecken
Wenn es möglich ist, übernachte in Kliniknähe und informiere dich, welche Angebote der Unterbringung es gibt.

 

6. Berührung
Nutze jede Form der Berührung. Selbst in Versorgungs- und Pflegesituationen solltest du viel mit deinem Baby sprechen und singen.

 

7. Vertraue Ärzten und Pflegekräften
Gespräche mit Ärzten sind oft sehr technisch geprägt und du solltest die Aussagen von Krankenschwestern nie auf die Goldwaage legen. Es macht oft Sinn, sich eine neutrale Person mit ins Gespräch zu nehmen, weil es bei dir als Mama oft anders ankommt, als die Dinge gemeint sind.

 

8. Hebamme
Suche dir eine Hebamme, die sich speziell mit Frühchen (und allgemein der Trennungssituation) auskennt in der Nachsorge.

 

9. Stillberaterin
Sofern es auf der Intensivstation keine als Stillberaterin ausgebildete Kinderkrankenschwester gibt, suche dir draussen eine Stillberaterin, die dich in der Klinik besucht.

 

10. Väter
Binde den Papa, wenn möglich mit ein. Sie können in der Klinik mehr abnehmen, als du vielleicht denkst. Allein die ganzen bürokratischen Dinge kannst du beruhigt in ihre Hände legen und dich damit nicht auch noch auseinandersetzen.

 

11. Dr. Google
Ich rate dir dringend von der eigenen Recherche im Internet ab. Du weißt nie, welche fachlichen Quellen zugrunde liegen. Bei Fragen zu deinem Baby gibt es nur einen Ansprechpartner und das ist das Ärzte- und Pflegeteam vor Ort!

 

12. Energieräuber
Fahre den Kontakt zu Menschen runter, die deine Sorgen und Ängste verstärken. Umgib dich mit Menschen, die dir Mut machen und helfen wollen.

 

Es gibt ein MANTRA, das ich dir abschließend ans Herz lege möchte:

Schau nur auf dich und das Baby! Wir leben alle in einer Leistungsgesellschaft und die meisten haben ihr tägliches Handeln danach ausgerichtet. Mütter, die sehr taff im Leben unterwegs sind und in diese Situation geraten, tun sich besonders schwer Hilfe anzunehmen.

 

Es funktioniert gerade mal eben nicht so wie sonst und daher meine große Bitte: Versuche jetzt nicht so weiterzumachen wie sonst. Perfekt sein muß gerade gar nichts. Dann sind keine Fenster geputzt, es ist kein Haus aufgeräumt und man darf auch mal den Geschwistern eine Tiefkühlpizza warm machen.

Besondere Situationen erfordern auch einen besonderen Umgang und das schafft keiner mit den Maßstäben, die sonst so gesetzt werden.

Eine Mama berichtete im Coaching, daß nach drei Wochen Neointensiv, die Großeltern die Frage aufwarfen, wann man denn nun endlich das Baby taufen lassen würde. Die Mama war so überfordert mit allem und organisierte dann wirklich eine Taufe in der Klinik, die der Klinikpfarrer abhielt, obwohl ihr selbst nicht der Sinn danach stand. Sie hätte es gern nach Klinikentlassung in Ruhe vorbereitet.

Eine andere Mama organisierte nebenbei noch den 4. Geburtstag des Geschwisterkindes und bekam, nachdem abends alle Kinder das Haus verlassen hatten, eine Brustentzündung und Fieber.

Ich könnte unzählige, weitere Geschichten nennen, in denen Mütter nicht genug auf ihre eigenen Kräfte geschaut haben.

Der Appell ist mir an dieser Stelle besonders wichtig, weil eine ausgelaugte entkräftete Mama
keine große Hilfe für ihr Baby ist und das muß dein Mantra sein! Achte auf dich und sorge gut für dich, damit du für dein Baby da sein kannst!

Es gibt viele weitere Dinge, die du aktiv mitgestalten kannst in der Kinderklinik, um raus aus der Handlungsunfähigkeit zu kommen.

Ich wünsche dir ganz viele helfende Engel an deiner Seite!
Deine Susanne Bürger

Ich danke Susanne sehr herzlich für diesen Beitrag. Ihr findet Susanne auf ihrer Website. Wenn ihr mehr wissen möchtet, dann findet ihr das Buch “Wenn das Leben intensiv beginnt: Ein Elternbegleitbuch für die Zeit in der Kinderklinik” (kein Affiliate-Link) hier auf Amazon.

 

Was sind eure Tipps für Mütter, die diese Erfahrung machen müssen?
Was hat euch in dieser Zeit geholfen?

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