Die Nachwehen einer schwierigen Geburt: Der 1. Geburtstag

Vielleicht hattest du eine schwierige Geburt und vieles ist anders gelaufen als du es dir vorgestellt hast. Möglicherweise liegt diese Geburt schon länger zurück und der 1. Geburtstag, der Jahrestag deines Geburtstraumas, nähert sich? Du dachtest, dass du alles gut verarbeitet hast und merkst aber, dass das Thema Geburt wieder hochkommt? Du freust dich natürlich auf den Geburtstag deines Kindes, aber es schwingen auch schwere, negative Emotionen mit?

 

In diesem Artikel geht es darum, wie es einer Frau nach einer schwierigen Entbindung am Geburtstag ihres Kindes geht. Insbesondere der 1. Geburtstag nach einer traumatischen Geburt kann eine große Belastung sein. Im deutschsprachigen Raum gibt es nach meinen Recherchen wenig zum Thema. Die Erfahrungen der Mütter, die hier in diesem Rahmen zu Wort kommen, stammen aus einer Facebook-Gruppe.

 

Bittersüße Momente am Geburtstag

Der Geburtstag des eigenen Kindes ist für eine Mama ein freudiges und besonderes Ereignis. Für eine Frau, die die Geburt ihres Kindes als schwierig oder traumatisch erfahren hat, kann dies anders sein.

Oft wird die Erfahrung der Frau in den Tagen oder Wochen nach der schwierigen Geburt in zu vielen Fällen nicht gewürdigt und anerkannt oder sogar heruntergespielt. Noch viel weniger im Bewusstsein ist es für das Umfeld, wie belastend der Geburtstag des Kindes nach einer traumatischen Geburt sein kann.
Dass Jahrestage traumatische Ereignisse für die Betroffenen eine schwierige Zeit darstellen und intensive körperliche und seelische Reaktionen hervorrufen können, ist nicht unbekannt.

 

Ambivalente Gefühle: Zwischen Vorfreude und Traurigkeit

Im Unterschied zu anderen “Trauma-Jahrestagen” trägt der Geburtstag des Kindes aber auch einen anderen Aspekt in sich, der oftmals zu ambivalenten Gefühlen führt. Der Jahrestag birgt nicht nur die Erinnerung an ein belastendes Ereignis, sondern er ist auch Grund, um zu feiern und fröhlich zu sein. Diese innere Zerrissenheit kann eine große Belastung sein.

Die Forschung zu traumabedingten Stressreaktionen widmet dieser speziellen Thematik wenig Aufmerksamkeit. Bis heute gibt es nur eine einzige Studie, die sich damit beschäftigt, wie es einer betroffenen Frau rund um den Geburtstag ihres Kindes geht. Dieser Tag kann eine traumatisierte Frau wieder aus der Bahn werfen und Erinnerungen an das belastende Erlebnis triggern.

Cheryl Tatano Beck näherte sich im Rahmen ihrer Studie dem Thema an und erforschte, mit welchen besonderen Herausforderungen und Themen es traumatisierte Mütter rund um den Geburtstag ihres Kindes zu tun haben können. Insbesondere der erste Jahrestag des Geburtstraumas kann scheinbar eine große Belastung sein.

 

Die Zeit vor dem Geburtstag

Es ist nicht nur der eigentliche Geburtstag, der für eine Mutter nach einer traumatischen Geburt belastend sein kann. Manche Betroffene berichten, dass schon die Wochen und Monate davor gekennzeichnet sind von sorgenvollen Gedanken und Ängsten vor dem Geburtstag. Es können Gefühle der Angst, Traurigkeit, Wut und Schuld auftauchen. Selbst die Jahreszeit in der die Geburt stattgefunden hat oder die eigentliche Geburtszeit kann einen Trigger darstellen, der Erinnerungen, Alpträume und Flashbacks auslöst.

 

Mein kleiner wird im Juni 2. Seinen 1. Geburtstag waren wir auf Elba. Ich wollte einfach nicht Zuhause sein und dort einen auf glückliche Mami machen. Die Tage davor waren wirklich die Hölle. Eigentlich wollte ich dann bis zu seiner Geburtszeit (1.31 Uhr) wach bleiben. Alles nochmal ganz bewusst erleben und dann zu dem Zeitpunkt eine Kerze anzünden. Diese Minuten diesmal ganz bewusst erleben und mich dann vielleicht auch an ihn kuscheln und so vielleicht das Bonding, das mir bis heute fehlt, nachholen. Ich bin aber dann völlig fertig und total verheult gegen 10 eingeschlafen. Das war dann in Ordnung, wobei ich mich schon manchmal frage, ob es für die Verarbeitung nicht gut gewesen wäre. Ich hatte doch auch ziemlich Angst vor den Gefühlen. Der Geburtstag selber war dann ganz okay bzw. habe ich mich auch wieder ein bisschen wie am Tag der Geburt gefühlt: total ausgelaugt und fertig und irgendwie in Starre. Seinen 2. Geburtstag verbringen wir in Kroatien. Mehr Vorstellungen habe ich momentan noch nicht. Hauptsache, ich bin wieder weg, aber mir graut schon wieder sehr vor dem Tag bzw. den Tagen davor. An seinem 3. Geburtstag kann ich nicht abhauen. Da muss ich arbeiten. Mal schauen, ob ich das wirklich schaffe. Anna

 

Der eigentliche Geburtstag

Ganz besonders am Tag des Geburstagest kann die Ambivalenz der Mutter sehr zum Tragen kommen. Auf der einen Seite, die negativen Emotionen die mit dem schwierigen Geburtserlebnis verbunden sind und auf der anderen Seite aber der freudige Anlass in Form des Geburtstages des eigenen Kindes. So wie im Vorfeld kann es sein, dass das Thema “Zeit” einen großen Stellenwert bekommt: die Zeit des Tages in der die Geburt vonstatten ging und auch der exakte Zeitpunkt der Geburt:

 

Wir hatten am Sonntag unseren ersten Geburtstag und er war sehr emotional für mich. Hab ständig auf die Uhr geschaut und das ganze Geschehen nochmal durchgemacht. Nachmittags war dann die enge Verwandtschaft zum Feiern da und sie haben (unbewusst) genau zu der Zeit „Happy Birthday“ gesungen, als ich endlich aus dem Aufwachraum zu ihr gebracht wurde. Da musste ich sehr mit mir ringen. Ich weiß nicht, obs bei mir durch die Hormone ausgeprägter war (bin jetzt 37+4), aber ich hoffe, dass ich ihren 2. Geburtstag mehr genießen kann. Barbara

 

Den Geburtstag überstehen

Es zeigt sich, dass betroffene Mütter unterschiedliche Strategien finden, um mit dem Geburtstag und den Feierlichkeiten umzugehen. Da gibt es Berichte darüber, dass der Geburtstag an einem anderen Datum gefeiert wird oder dass die Familie weg in den Urlaub fährt und dort feiert. Andere Mütter berichten, dass sie sich so auf die Geburtstagsparty und das Drumherum konzentrieren, um abgelenkt zu sein.

 

Unsere Maus ist im Dezember 2 geworden. Der erste Geburtstag war richtig schlimm, aber das hat sich auch schon vorher abgezeichnet. Also habe ich dafür gesorgt, dass ich nicht allein bin und überhaupt keine Zeit zum Abstürzen habe (war damals noch depressiv), und wir haben richtig Kindergeburtstag mit der Großfamilie meines Mannes und sämtlichen Cousins und Cousinen gefeiert. Ich hab mich dann im Akkord hinter dem Waffeleisen vergraben und irgendwie einfach überlebt. Anonym

 

Aus Berichten und Erzählungen geht hervor, dass es für Mütter hilfreich wäre bzw. ist, wenn die Menschen im unmittelbaren Umfeld Anteil nehmen und auch ein Bewusstsein dafür haben, dass der Geburtstag eine Herausforderung ist und an die schwierige Geburt erinnert.

 

Das war und ist niemandem bewusst. Das Kind ist ja wohl auf und die Narbe verheilt, dann ist doch auch alles gut. Ich freue mich am Geburtstag und davor immer sehr mit meinem Sohn, aber sobald er im Bett ist, kommen die Emotionen hoch und ich verkrieche mich schniefend unter die Decke. Er wurde erst nachts geboren, ich denke deshalb kann ich beide Dinge gut voneinander trennen. Evelyn

Meinem Partner war es bewusst. Es hat ihn oder besser gesagt belastet ihn auch noch. Er war während der ganzen Zeit bei mir und er hat zwischenzeitlich zu weinen begonnen. Er sagte mir: „Ich kann nur zusehen wie du leidest! Ich würde dir so gern mehr helfen!“ Ich hab ihm später gesagt, dass seine Anwesenheit mir sehr geholfen hat. Silke

Mausi ist jetzt 2. Beide Jahre sind wir in die Therme gefahren und haben ganz viel Zeit im warmen Wasser verbracht. Gekuschelt und es uns gut gehen lassen. Abends zünden wir eine Kerze an, die dann bis zu ihrem Geburtstag täglich auf dem Fensterbrett scheint, diese wird an ihrem Geburtstag zur Geburtszeit symbolisch ausgepustet. Weil dann unser Wunder bei uns weiter geschienen ist.  Und ich muss sagen damit geht es uns ganz gut. Franziska

 

Wird es besser? Die folgenden Geburtstage

Für die meisten Mütter sind die folgenden Geburtstage leichter zu “ertragen”. Die Erinnerungen an die Geburt werden weniger und die Freude und die Liebe zum Kind rücken in den Vordergrund.

 

Der zweite Geburtstag war besser, viel, viel besser. Der Tag sah zwar ähnlich aus, auch wieder Familie und Waffeln, aber mir ging es am Geburtstag selber deutlich besser, auch weil ich auf ein Jahr der Verarbeitung zurückblicken konnte und inzwischen ja auch wusste, an welchen Stellen es hätte anders laufen müssen, damit sie normal hätte kommen können. Schlimm war diesmal nur wieder die Zeit davor, aber auch nicht mehr so schlimm wie beim ersten. Dieses Jahr jedenfalls rechne ich damit, dass nur noch ein wenig Wehmut dabei ist, mehr nicht. Inzwischen gibt es ja auch genug Kita-Freunde für ne richtige Party. Anonym

 

Am ersten Geburtstag habe ich ab und zu so einen Moment gehabt, an dem ich mit etwas Galgenhumor dachte: „Heute geht es mir viel besser als vor einem Jahr.“ Der zweite Geburtstag war schon nicht mehr wirklich überschattet. Es ist der Ehrentag meines Kindes und ich bin unendlich dankbar, dass dieses wundervolle Geschöpf die kostbarsten Jahres seines Lebens mit uns teilt. Anonym

 

Erkennst du dich in den Berichten vielleicht wieder? Mit diesen Tipps kann es gelingen, besser mit dem 1. Geburtstag und den damit verbundenen Gefühlen umzugehen:

 

Akzeptiere deine Gefühle und Gedanken

Einer der ersten Schritte, um mit dem Geburtstag besser umzugehen ist, anzuerkennen dass ein Teil in dir an diesem Tag auch traurig ist. Vielleicht war es dir bis jetzt auch gar nicht bewusst, warum es dir in der Zeit vor dem Geburtstag schlechter gegangen ist. Wenn ein schwieriges Erlebnis noch nicht komplett verarbeitet wurde, ist es ok zwiespältige Gefühle zu haben.

 

Betrachte die zwei Seiten der Medaille

Rufe dir in Erinnerung, dass es am Geburtstag deines Kindes und am Jahrestag deiner schweren Geburt um zwei unterschiedliche Themen geht. Es ist völlig in Ordnung, dass all die Gefühle auftauchen: Trauer, Wut, Verzweiflung. Es kann auch sein, dass du körperlich Symptome wahrnimmst. Traumatische Erinnerung zeigen sich auch auf körperlicher Ebene. Es geht an diesem Tag natürlich auch um die Liebe zu deinem Kind und die Dankbarkeit dafür, dass es bei dir und deiner Familie ist.

 

Schau auf dich

Es kann sein, dass du in deiner unmittelbaren Umgebung kein oder zu wenig Verständnis dafür findest, wie schwierig die Geburt für dich gewesen ist. Nutze den Geburtstag, um dir selbst Anerkennung zu schenken. Anerkennung dafür, dass du die traumatische Geburt überstanden hast. Tu dir selbst etwas Gutes und nimm dir Zeit für dich. Auch wenn es nur wenige Minuten sind.

 

Erlaube es dir, traurig zu sein

Auch wenn der Geburtstag deine Kindes ein Tag der Freude, der Liebe und des Glücks ist, erlaube dir auch Momente der Traurigkeit und Emotionalität. Eine Möglichkeit deinen Gefühlen Ausdruck zu verschaffen ist Schreiben. Du kannst einfach deine Emotionen zu Papier bringen oder einen Brief an dich selbst schreiben. An die Frau, die du am Tag der Geburt gewesen ist. Was würdest du ihr sagen wollen? Welche Unterstützung hättest du ihr für die Geburt gewünscht? Eine andere Idee ist einen Brief an dein Kind zu schreiben. Welche Geburt hättest du dir für dein Kind gewünscht? Welche Erinnerungen hättest du gerne, wenn du an die Geburt denkst?

 

Vertraue dich jemandem an

Ich hoffe sehr, dass du in deinem Partner oder in einer anderen Person jemanden hast, dem du dich in der Zeit vor und am Geburtstag anvertrauen kannst. Es wird dir Erleichterung bringen, wenn da jemand ist, der dich mitfühlend in den Arm nehmen kann.

 

Fazit

Für manche Frauen stellt insbesondere der erste Geburtstag nach einer schwierigen Geburt eine besondere Herausforderung dar. Es können durch den Geburtstag negative Emotionen ins Gedächtnis gerufen werden. Auch Flashbacks und körperliche Symptome können getriggert werden.

Die Erfahrung nach schwierigen Geburten zeigt, dass das Leiden und der emotionale Zustand der Mütter schon direkt nach der Geburt durch ihr Umfeld oft nicht anerkannt wird. Viel zu oft hören diese, dass sie froh sein sollen. Das Kind ist schließlich gesund und alles ist gut ausgegangen. Doch auch gerade am Geburtstag würde es helfen, wenn der Partner und andere Personen aus dem direkten Umfeld sich bewusst sind, dass der Geburtstag ein emotional schwieriger Tag sein kann und dass es auch Platz für die ambivalenten Gefühle der Mutter gibt.

Ich möchte betonen, dass die Geburtstage nach einer schwierigen Geburt nicht automatisch die Gefühle und Gedanken, die mit dem Geburtstrauma verbunden sind, triggern:

 

Für mich ist und war der Tag immer nur der Geburtstag meines Kindes. Das Geburtstrauma habe ich nie auf diesen Tag bezogen. Anonym

 

Hattest du eine schwierige Geburt? Wie ist es dir am ersten Geburtstag danach gegangen?

Hast du eine Möglichkeit für dich gefunden, gut über den Geburtstag zu kommen?

Vielleicht hast du ein besonderes Ritual für den Geburtstag?

 

Hinterlasse mir einen Kommentar. Ich freu mich!

 

Literatur:

Beck, C., Watson, J. & Watson, S. (2013). Traumatic Childbirth. London and New York: Routledge.

8 Kommentare
  1. Sarah
    Sarah says:

    Ich habe ein Geburtstraume erlitten, und als der 1. Geburtstag näher rückte, war für mich Vor allem die Zeit davor sehr schwierig, die Wochen vergingen und ich erinnnerte mich immer häufiger und intensiver an die erlebte Geburt. Ich plante eine große Party und hatte vor meinem Sohn diesen Tag nicht zu verderben indem ich Zeit hätte Traurig zu sein oder mich trigger zu lassen. Am Ende kam alles anders als Gedacht, er wurde krank, wir mussten alle wieder ausladen und am Ende waren nur wir und die Großeltern da. Ich musste den ganzen Tag nicht einmal an die Geburt denken sondern hab einfach den Tag mit meinem Kind genossen. Abends als wir im Bett lagen, erzählte ich es meinem Freund, dass es ganz anders war als ich befürchtet hatte. Es gab mir Mut, Vertrauen in mich selbst dass ich es in der Hand habe, die Kontrolle über diese Erinnerungen. Es kamen danach auch noch Zeiten in denen es sehr schlimm war, und auch jetzt passiert dass noch. Aber die Angst vor dem 1. Geburtstag hat sich nicht bewahrheitet.😊

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  2. Lara
    Lara says:

    Ich hatte eine traumatische Geburt und ich habe mir die ganze Zeit vorgenommen dem Krankenhaus zu schreiben, ihnen zu schildern, wie es mir erging und vor allem, das war mir sehr wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass so etwas passiert. Meine Hebamme (die letzte der drei, die ich während der Geburt im Kreissaal erlebt habe), war übergriffig. Ich bin aber eh schon Traumapatientin gewesen, hab eine PTBS und das auch immer und immer wieder im Vorgespräch gesagt. Es stand in meiner Akte. Ich wollte mitteilen, dass es viele Frauen gibt, die solche Erlebnisse haben, die gerade während der Geburt besonders bedacht werden müssen. Ich wollte auch versuchen zu verhindern, dass es noch mehr Frauen so ergeht wie mir in diesem Krankenhaus.
    Ich habe eine lange Mail geschrieben und alles erklärt. In der Nacht nach dem ertsen Geburtstag.
    Mir hat das sehr geholfen, weil ich alles nochmal erzählt habe, nocheinmal darüber nachgedacht habe.
    und ganz entscheidend:
    Ich bin aktiv geworden. Ich habe die Schockstarre, die mich bis dahin bei jedem Gedanken an die Geburt ergriffen hat, überwunden.
    Ich bin Akteurin geworden und war nicht mehr dem Geschehen „ausgeliefert“.
    Der Chefarzt hat mir dann zwei Briefe geschrieben. Im erste hat er sich bedankt für meinen Bericht und um Zeit gebeten, damit er das intern besprechen kann. Im zweiten hat er mir erzählt, was sie planen um weitere solche Fälle zu verhindern, konkret Schulungen anbieten.

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    • Tanja
      Tanja says:

      Liebe Lara, danke auf Dich für den Kommentar. Ich finde es ganz toll, dass Du den Brief geschrieben hast und dieser Wirkung gezeigt hat! Gerade nach einem traumatischen Ereignis kann es sehr heilsam aus der Starre herauszukommen. Ich bin auch der Ansicht, dass im KRS die Achtsamkeit und dass Bewusstsein für eine traumasensible Betreuung zu oft fehlt. Leider.
      Alles Liebe!

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  3. Kessy
    Kessy says:

    An sich habe ich bei der Geburt nichts tun müssen, es war eine kaiserschnitt. Drei Wochwn vor dem eigentlich geplanten Kaiserschnitt – überschattet von Werten, die zeigten, dass es meiner kleinen Kullermaus außerhalb meines Bauchws besser gehen würde. Es ging alles so schnell. Aber ich wusste was auf mich zukommt, da es mein zweiter Kaiserschnitt war. Das erste Schreien, der erste Blick auf sie. Ich war so glücklich… die Hebamme kam und meinte, sie bräuchte noch etwas unter der Wärmelampe, aber alles sei gut. Dieses Statement bekam ich auf Anfragen 3 weitere Male. Bevor sie den OP endgültig verließ, um sich um unsere Tochter zu kümmern, sagte sie, unsere Flory kommt gleich zum Papa kuscheln und beide würden dann auf mich warten.
    Mein Herz klopfte bis Zimmer Hals als ich endlich aus dem OP gefahren wurde. Da saß er – die Liebe meines lebens, mein Mann – OHNE unserer Flory!!! Ich hab geweint! Wusste nicht wo sie war, nicht einmal mein mann wusste es. Ich hatte Angst, wie ich sie vorher noch nie verspürte. Es dauerte ewig bis die Hebamme kam und meinte, sie hätte etwas Schwierigkeiten beim Atmen und bräuchte noch etwas Zeit. Die Ärzte würden sich um sie kümmern und mir dann Bescheid geben. Niemand kam. Und von unserer Hebamme immer dieselben „Floskeln“. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, die Naht müsste dann mittels eines Druckverbandes gehalten werden. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Ich konnte nichts tun, ich spürte ja nicht einmal meine Beine! Ich war wortwörtlich gelähmt. Und der seelische Schmerz war weitaus stärker als irgendein körperlicher Schmerz.
    Ich wurde, ohne sie noch einmal zu sehen, auf ein zimmer gebracht. Allerdings nicht die Station, bei der man sein baby dabei hat. Ich lag zwischen Schwangeren! Mit einem Foto von meinem baby, dass ich nicht kannte, weil es lauter Schläuche an sich und um sich hatte. Eine Karte in der eigentlich ihr Fußabdruck sein sollte, in der ihr Name stehen sollte. Nichts. Sie kannten unsere Flory nicht. Sogar die Daten vom Gewicht und die Größe wurden an verkehrter Stelle eingetragen… es war falsch. Und ich allein. Ich weinte ununterbrochen und war wütend auf jede Schwester die mich fragte, ob ich etwas brauche. Ich brauchte nur mein Baby… mehr nicht. Bis am Abend halb 10 hat sich niemand bei mir gemeldet. Ich wusste nichts von ihr. Sie war in einem anderen Gebäude irgendwo allein und ich zwischen Schwangeren.
    Am Abend halb 10 sollte ich dann ENDLICH mit dem Rollstuhl zu ihr gebracht werden. Auf die Neonatologie INTENSIVSTATION!
    Ich meldete mich an und nannte den Namen meiner Tochter, doch sie fanden sie nicht. Sie war nicht da! Sie war nicht auf dieser Station. Ich weinte und schrie den Arzt an, wo mein baby ist. Bis sich herausstellte, dass sie auf einer anderen Intensivstation der Neonatologie verlegt wurde. Und ich als Mama, als Vormund, als ihr ein und alles, wusste nichts davon. Ich wurde also weitergeschoben! Als ich in ein Zimmer kam stand da vor mir ein Bett. Ich sah nur Kurven, Zacken, Werte, hörte Piepen und Brummen… da stand kenn bettchen mit so viel Elektonik, wie wir es zu Hause im Wohnzimmer nicht einmal haben. Und zwischen all diesen beängstigenden Geräten, lag mein Baby. Der Anblick war so schrecklich, dass ich jetzt wieder weinen muss, wenn ich es vor mir sehe. Sie schlief, allein. Es brach mir das Herz! Ich durfte sie streicheln, aber nicht herausnehmen. Die schrecklichste Zeit in meinem ganzen Leben. Und erst dann stellte sich ein arzt mir vor! Nach 14h nach der Geburt! Wie sich herausstellte, hatte das Mäuschen Probleme beim atmen, da noch viel Fruchtwasser in der Lunge war. Eine ganze Woche musste sie dort bleiben und ich war so oft es ging bei ihr obwohl das für mich ein Fußmarsch (nach Kaiserschnitt) von 10 Minuten bedeutete, da sie in einem anderen Gebäude lag. Noch heut hab ich das Gefühl, dass uns eine Woche geraubt wurde und ich diese Woche aufholen müsste. Ich hänge so sehr an ihr, dass ich nicht einmal gern eine Stunde schnell alleine einkaufen gehe. Sie wird am 1.Juli schon ein jahr und trotzdem kann mir die verlorene Zeit niemand mehr zurückgeben… unsere erste Zeit, wo wir einander mehr gebraucht hätten als alles andere. Und in dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, weiß ich, dass ich noch etwas aufzuarbeiten habe. Und nur um sicher zu gehen, bleib ich jetzt gleich neben ihr liegen…

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    • Tanja Liebl
      Tanja Liebl says:

      Liebe Kessy,

      vielen, vielen Dank für deine Geschichte!
      Deine Tochter und du hattet einen richtig schweren Start…Und du spürst ja jetzt – selbst knapp ein Jahr nach der Geburt – dass das Erlebte noch immer in gewisser Art und Weise präsent ist.
      Was mir wichtig ist, dir mitzugeben: Heilung eines schwierigen Erlebnisses rund um die Geburt ist möglich! Früher oder später wirst du merken, dass es besser wwird.
      Alles niederzuschreiben ist ein erster Schritt. Vielleicht schaffst du es, die nächsten Schritte zu gehen, um alles gut auflösen zu können! Liebe Grüße, Tanja

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  4. Priska
    Priska says:

    Natürlich habe ich mich auf den Geburtstag meiner Tochter gefreut. Aber drei Tage vorher hab ich nur noch geheult. Es war schrecklich. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon viel unternommen habe um die Geburt zu verarbeiten. Da merkte ich, wie viel noch nötig sein wird.
    Die ganze Trauer, Wut ist hochgekommen. Die ganzen Stunden nochmals durchlebt. Immer und immer wieder.
    Das freudvolle Ankommen im Spital. Die erste, spannende Zeit dort. Die Stunden des Geburtsstillstandes. Die Schmerzmittel. Die PDA. Der Not KS. Der in einer Vollnarkose gipfelte. Mein Kind wurde rausgeholt und weggebracht. Nicht zu mir. Obwohl bei ihr alles ok war. Und das heute.
    Ein Rattenschwanz folgte. Massivste Verlustängste meiner Tochter. Meine ersten Stunden als Mami mit einem Baby im Arm. Irgendein Baby. Mir fehlte der Bezug komplett. Fürchterlich.
    Die Verlustängste meiner Tochter dauerten Jahre. Noch heute sind sie ab und zu zu spüren (5.5 J).
    Und auch bei mir hat die Geburt bleibende Narben hinterlassen. Wobei die täglich schmerzende KS Narbe das kleinste ist. Die seelischen Schmerzen sind einfach da. Wir sind um einen der wichtigsten Momente unseres Lebens beraubt worden. Unwiederbringlich.

    Antworten
    • Tanja Liebl
      Tanja Liebl says:

      Liebe Priska,

      auch dir danke für deine Zeilen…
      Ich wünsche dir für die Zukunft, dass du noch mehr Schritte in Richtung Heilung gehen kannst.

      Liebe Grüße,
      Tanja

      Antworten

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