Wie du eine schwierige Geburt verarbeiten kannst.

Deine Geburt ist nicht so gelaufen, wie du es dir vorgestellt hast? Du merkst auch einige Tage, Wochen danach, dass die das Erlebte noch “nachhängt” und dich nicht loslässt? Du möchtest alles verarbeiten? Du weißt aber nicht wie und wo du beginnen sollst?

Für den Anfang: Du bist nicht alleine mit deiner Situation. Vielen Müttern da draußen geht es so wie dir. Sie haben eine schwierige und traumatische Geburt erlebt.

Ganz egal ob es um einen ungeplanten Kaiserschnitt geht, eine Saugglocken- oder Zangengeburt, eine Frühgeburt, eine stille Geburt oder einen Geburtsverlauf der einfach viel zu überwältigend gewesen ist…Die Gefühle und Gedanken, die du jetzt im Moment hast sind völlig normal. Es ist ok traurig, wütend, verzweifelt oder wie betäubt zu sein.

Vielleicht kannst du es dir noch nicht vorstellen, dass “es” wieder gut wird und du dein schwieriges Geburtserlebnis auflösen kannst.

Es ist möglich. Schritt für Schritt. Einer nach dem anderen.

Du selbst kannst dir helfen und dich auf deine Heilungsreise begeben. In diesem Artikel zeige ich dir einige erprobte Möglichkeiten:

 

Erste Hilfe nach einer traumatischen Geburt

  • Dem Körper und der Seele Zeit geben
  • Halte richtig “Wochenbett”
  • Schreiben
  • Selbsthilfegruppe
  • Bücher
  • Gespräche mit Freunden und Familie
  • Nachbesprechung der Geburt
  • Bewegung und Musik
  • Arbeit mit Imaginationen und inneren Bildern
  • Klopftechniken (PEP)
  • Bonding nachholen und intensivieren

 

Dem Körper und der Seele Zeit geben

Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden. Aber doch in einem gewissen Ausmaß. Eine akute Belastungs- und Anpassungsreaktion nach einer schwierigen Geburt ist etwas ganz Normales. Untersuchungen zeigen, dass jede 3. bis 4. Frau ihre Geburt als schwierig und traumatisch bezeichnen. Von diesen entwickeln rund 9% eine Posttraumatische Belastungsstörung als Folge der traumatischen Geburt. In vielen Fällen verblassen mit den Wochen die Erinnerungen an die schwierige Geburt und auch die Symptome der Belastungsreaktion werden weniger.

Auch wenn die erste Zeit mit einem Neugeborenen sehr anstrengend ist und du sehr beschäftigt bist, schaffe dir kleine Pausen und tu dir etwas Gutes. Ideal ist es natürlich, wenn du innerhalb deiner Familie Unterstützung findest und du freie Zeit für dich bekommst. Ein Spaziergang alleine, ein feines Schaumbad, in Ruhe ein gutes Buch lesen, vielleicht eine besondere Schokolade nur für dich oder etwas anderes. Was fällt dir noch ein?

 

Halte richtig Wochenbett!

Das Wochenbett, als die ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt, heißt mit gutem Grund Wochenbett. Es ist die Zeit der Anpassung, der Umstellung und der Veränderung. Ganz egal, ob es das erste Kind ist oder nicht, ob es eine “Traumgeburt” oder eine traumatische Geburt gewesen ist, es ist wichtig, dass du gerade jetzt auf die Bremse steigst. Lass den Haushalt liegen, mache dir nur wenige Termine aus und schau, dass du im Alltag so viel Entlastung bekommst wie es nur geht.

 

Schreiben tut der Seele gut.

Vielleicht hast du ja schon einmal einen bitterbösen Brief geschrieben an einen Menschen, mit dem du gerade einen Streit hattest. Oder wenn du Liebeskummer gehabt hast und du dein Herz ausgeschüttet hast. So wie Reden nach einem schwierigen Erlebnis gut tut, so tut auch das Schreiben gut.

Schreiben hat den Vorteil, dass du den Teil in dir, der in einem Gespräch vielleicht ein Stück der Geschichte zurückhält, völlig außer Acht lassen kannst.

Du kannst gerne auf Papier schreiben oder auf deinem Computer. Nimm dir bewusst Zeit dafür. Schau, dass dein Baby versorgt ist und du für einen gewissen Zeitraum ungestört bist. Du brauchst beim Schreiben an nichts Bestimmtes denken. Setz dich hin, mach es dir gemütlich und schreib einfach drauf los.

Du kannst damit beginnen, dass du einfach beschreibst was passiert ist. Schildere die Situation und den Verlauf der Geburt. Schreibe aber auch deine Gefühle und deine Gedanken nieder, die du währenddessen hattest. Und auch jetzt hast. Achte nicht auf Rechtschreibung, schöne Worte und Zeichensetzung.

Es ist hilfreich, wenn du täglich für einige Zeit deine Gedanken und Gefühle zu Papier bringst. Übrigens gibt es Studien, die zeigen dass Schreiben einen positiven Effekt auf die Verarbeitung von schwierigen Erlebnissen hat.

Wenn dir danach ist, schreibe einen Brief an die Personen, die bei der Geburt dabei waren. Schreib auf, was du ihnen am liebsten direkt ins Gesicht sagen möchtest. Du kannst den Brief aufheben, diesen in einem Ritual verbrennen oder anlässlich des Roses Revolution Day am Geburtsort ablegen.

Und dann kann es auch sein, dass du es nicht schaffst über deine schwierige Geburt zu schreiben. Es kann sein, dass du einfach keine Worte dafür hast was geschehen ist. Auch das ist vollkommen ok. Es ist dann der richtige Zeitpunkt nicht da.

 

Selbsthilfegruppen

Gibt es in deiner Nähe eine Selbsthilfegruppe für Mütter nach schwierigen Geburtserlebnissen? Im Internet findest du viele Mitbetroffene. Oft tut der direkte Kontakt im echten Leben auch sehr gut. Trau‘ dich ruhig und schau dir ein Treffen an. Die Gemeinschaft einer Selbsthilfegruppe bietet Sicherheit und einen geschützten Raum. Dort kannst du dich öffnen, dich mitteilen und von den Erfahrungen und Erzählungen der anderen profitieren.

 

Bücher zum Thema

Es gibt auf dem deutschen Markt einige Bücher, die dir dabei helfen können dein Geburtserlebnis gut zu verarbeiten. Diese habe ich gelesen und empfehle ich dir gerne weiter:

Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen

Es war eine schwere Geburt: Wie schmerzliche Erfahrungen heilen

Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht

Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht

Meine Wunschgeburt. Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt

 

Gespräche mit Freunden und Familie

Wenn dir danach ist, die Geschichte der Geburt zu erzählen dann tu es. Immer wieder und immer wieder. Du wirst sehen, dass es dir gut tut. Suche dir einen Gesprächspartner, der ein offenes Ohr für dich hat. Ohne zu werten, zu interpretieren oder zu urteilen. Einfach da sein. Das kann dein Partner oder deine Partnerin sein, eine Freundin, Schwester oder deine Mutter. Es kann sein, dass du dich aber gerade deinen Liebsten (noch) nicht öffnen magst. Es gibt Internetforen und Facebook-Gruppen  in denen du einen Ort findest, deine Geschichte zu erzählen.

Es ist aber auch vollkommen in Ordnung, wenn du nicht über dein Geburtserlebnis sprechen möchtest. Vielleicht ist die Zeit nicht reif oder aber du verarbeitest das Erlebnis auf andere Art und Weise.

 

Nachbesprechung der Geburt

Ich mache immer wieder die Erfahrung, wie heilsam es sein kann, wenn Frauen nach einer schwierigen Geburt die Gelegenheit bekommen dieses Erlebnis noch einmal durchzugehen. Fordere dazu deinen Geburtsbericht an und setze dich mit (d)einer Hebamme zusammen. Ganz oft tauchen im Nachhinein fragen auf, die auf eine Antwort warten. Es hilft, Dinge die während der Geburt passiert sind aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Es kann sein, dass du dich nicht an alle Details des Geburtsverlaufes erinnern kannst. Deine Hebamme hilft dir den Geburtsbericht zu “übersetzen” und sie kann dir erklären, warum welche Maßnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt gesetzt worden ist. Für den Fall, dass du die Hebamme unter der Geburt nicht als unterstützend und positiv erlebt hast, ist es eine gute Idee eine andere Kollegin um das Gespräch zu bitten.

 

Musik und Bewegung

Ein schwieriges Geburtserlebnis hinterlässt nicht nur seelische und emotionale Wunden. Auch der Körper zeigt, dass es ein Trauma gibt.

Musik und Bewegung können im Sinne einer positiven Feedbackschleife dem Körper helfen in einen Zustand der Balance zu kommen. So wie du mit deinen Gedanken und Emotionen körperliche Reaktionen hervorrufen kannst, gelingt es auch im umgekehrten Weg.

Durch Bewegung und Musik sendest du deinem Gehirn die Botschaft “Ich bin in Sicherheit”. Als Folge wird dein Alarmzentrum im Gehirn heruntergefahren. So bessern sich körperliche Symptome wie beispielsweise Nervosität und Unruhe. Wie wäre es mit Yoga, ausgedehnten Spaziergängen, Tanzen und Singen zu deiner Lieblingsmusik?

 

Arbeit mit inneren Bildern und Imagination

Sicher hast du schon von der Kraft von inneren Bildern und Vorstellungen gehört? Oder vielleicht hast du dich ja mit Hypnobirthing auf die Geburt vorbereitet? In der hypnotischen Geburtsvorbereitung wird ebenso mit Visualisierungen gearbeitet. Nach einer traumatischen Geburt kannst du mit Imaginationen einen weiteren Schritt in Richtung Heilung und dem Finden des inneren Gleichgewichts gehen. Bekannte Übungen sind die Reise zum inneren Ort der Geborgenheit und die Tresor-Übung.

 

Klopftechniken

Eine sehr leicht umzusetzende Technik zur Selbsthilfe ist das Klopfen bestimmter Meridianpunkte. Klopfen wird auch sehr erfolgreich im Coaching und in der Psychotherapie eingesetzt. Ich kann dir das kleine Büchlein von Dr. Michael Bohne ans Herz legen. Es ist schnell gelesen und du bekommst auch Hintergrundwissen zu dieser Technik geliefert.

 

Das Bonding intensivieren und nachholen

Egal, ob du nach deiner schwierigen Geburt dein Baby gleich auf die Brust gelegt bekommen hast oder ob ihr nach der Geburt für eine gewisse Zeit getrennt gewesen seid. Es ist eine gute Idee, das Bonding nachzuholen bzw. zu wiederholen. Die Hebamme Brigitte Meissner hat dafür sehr schöne Rituale entwickelt: Das Babyheilbad, das Heilgespräch und der Rosarote Herzensfaden.

Dein Baby hat so wie du eine anstrengende Reise hinter sich. Vielleicht hast du das Gefühl, dass es noch noch richtig in der Welt angekommen ist oder sehr unruhig ist und viel schreit? Olivia von Hebammenwissen.info hat darüber geschrieben: Geburtstrauma beim Baby

Fazit

Es wichtig, dass du dir nach einer schwierigen Geburt die nötige Zeit gibst, um darüber hinwegzukommen. Du kannst deinen Heilungsprozess mit verschiedenen Dingen und Methoden unterstützen. Gib dir die nötige Zeit!

Wenn du allerdings nach 10 bis 12 Wochen noch leidest und du den Eindruck hast, dass es nicht besser wird, dann ist es Zeit sich professionelle Unterstützung zu holen. Das kann in Form einer Psychotherapie, traumaorientierter Beratung oder medikamentöser Begleitung sein. Oftmals ist eine Kombination sinnvoll.

 

Welche der Möglichkeiten spricht dich an?

Was hat dir auf deiner Heilungsreise geholfen?

Hast du eine Frage?

 

Schreib’ mir einen Kommentar. Ich freue mich!

 

Literatur

Bloemeke, V. (2015). Es war eine schwere Geburt: Wie schmerzliche Erfahrungen heilen. München: Kösel.

Meissner, B. (2013). Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen: Mutter-Kind-Bindungen heilen oder unterstützen – in jedem Alter. Eigenverlag.

Sahib, T. (2016). Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht: Bewältigung traumatischer Geburtserfahrungen. Books on Demand.

Van der Kolk, B. (2016). Verkörperte Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Lichtenau: G. P. Probst Verlag.

 

 

 

3 Kommentare

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  1. […] die Chancen “gut”, dass du eine traumatische Geburt erlebt hast und das Geschehene noch nicht vollständig verarbeitet […]

  2. […] Artikel „Wie du eine schwierige Geburt verarbeiten kannst“ habe ich das von Brigitte Meissner entwickelte Babyheilbad als eine tolle Erste-Hilfe-Maßnahme […]

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