Deine Geburtserfahrung gehört dir – du bestimmst, wie deine Geburt gewesen ist

 

Liebe Nina,

ich schreibe diese Zeilen heute an dich und stellvertretend an die vielen Mütter da draussen, die ähnliche Gedanken und Gefühle haben, wie du.

Es geht um deine Geburtsgeschichte – um deine Geburtserfahrung.

Mir ist es ein Herzensanliegen diese Wort in die Welt hinauszutragen, denn ich sehe, wie dich deine Geburtsgeschichte und die Auswirkungen beschäftigen.

Du begegnest mir in Facebook-Gruppen und in Internetforen, in Kommentaren unter Blogartikeln, in meinen Gruppen zur Geburtsaufarbeitung und auf der Couch in meiner Hebammen-Ordination.

In deinem tiefsten Inneren weißt du und spürst du, dass dein Geburtserlebnis nicht schön und nicht ok gewesen ist. Im Gegenteil. Du hast eine Erfahrung gemacht, von der du dir vorher nicht einmal vorstellen hast können, das dies möglich ist.

 

Anders als erwartet

Du hast dich so auf dieses Abenteuer der Geburtsreise gefreut. Du hast es kaum erwarten können, dein Baby in den Armen zu halten und es endlich kennenzulernen. Ihm tief in die Augen zu schauen. Du hast dich auf die Geburt vorbereitet, dich eingestimmt und bist voller Zuversicht gewesen.

Und dann ist alles anders gekommen.

Deine Geburt ist nicht so gelaufen, wie du es dir gewünscht hast. Deine Geburtsreise hat einen anderen Weg eingeschlagen und dabei hast du dich im Stich gelassen gefühlt. Von den Personen, die dich eigentlich gut begleiten hätten sollen. Du hast dich hilflos und völlig ausgeliefert gefühlt. Die Ereignisse haben dich überrollt und du hast dich nicht mehr selbstbestimmt und in deiner Kraft gefühlt.

Irgendwie hast du die Geburt geschafft und überstanden.

Diese kostbare Zeit direkt nach der Geburt deines Babys ist dann möglicherweise auch noch “gestört” worden. Diese wichtige Zeit für das Bonding – diesen Bindungsaufbau zwischen deinem Baby und dir. Worüber du in der Schwangerschaft gelesen und gehört hast. Du wolltest diesen Moment besonders genießen. Dieser Augenblick, wenn das Baby auf die nackte Brust der Mama gelegt wird.

Dein Baby ist vielleicht gleich von dir getrennt worden, weil es medizinische Versorgung gebraucht hat. Oder du bist einfach durch die Geburtserfahrung so fertig mit der Welt gewesen, dass du nur froh und erleichtert gewesen bist, dass “es” endlich vorbei war.

Möglicherweise sind diese Augenblicke durch die ganzen Routinemaßnahmen gestört worden: Nähen und Versorgen von Geburtsverletzungen, Saubermachen, Baden und Wiegen deines Babys….

Vielleicht ist es dann im Wochenbett weiter gegangen.

Das Stillen ist dir nicht so leicht gefallen. Du wurdest von der Intensität der ersten Tage überrascht. Du hast dein Baby erst kennenlernen müssen. Zu Beginn hast du nicht gewusst, was es von dir will und braucht. Hilfe hätte dir gut getan, doch du hast sie nicht bekommen. Die Krankenschwester oder die Hebamme auf der Wochenbettstation haben deine Not nicht wahrgenommen. Haben deine Verzweiflung, deine Hilflosigkeit und dein Tränen nicht gesehen. Im Gegenteil. Sie hat dir auch nicht unachtsame Kommentare vor die Füße geworfen.

Rückblickend gesehen denkst du dir, dass dies nur „Kleinigkeiten“ sind. Du liest und hörst von ganz anderen Geburtserfahrungen. Da, wo es um Leben und Tod gegangen ist. Da wo die “ganz schlimmen” Dinge passiert sind.

 

„Meine Geburt war nicht so schlimm, wie die von anderen…“

Du kommst dir blöd dabei vor. Mit deiner Geburtserfahrung, die nach aussen hin eh nicht so dramatisch war. Wo Gott sei Dank alles gut gegangen ist. Dein Baby ist gesund. Du bist gesund.

Du denkst dir, dass du keine Recht hast, über dein Geburtserlebnis traurig zu sein. Andere trifft es viel härter.

Und doch.

Tief in deinem Innersten bleiben die Traurigkeit, die Wut, die Enttäuschung, das Schuldgefühl und das Versagen übrig.

Nicht einmal eine “gute” Geburt hast du geschafft. Wie kann ich dann eine gute Mutter sein, denkst du dir…

 

Nina, deine Geburtsgeschichte gehört ganz alleine dir. Vergleiche nicht, wie deine Geburt von außen betrachtet verlaufen ist mit den Geburten anderer Mütter.

Nur du alleine bestimmst, ob deine Geburtserfahrung belastend und enttäuschend war. Auch wenn es andere – viel “schlimmere” Geschichten gibt.

Niemand kann von aussen sagen, was eine schwierige oder traumatische Geburt ausmacht.

Deine Erfahrungen und deine Emotionen, die mit deiner Geburt verbunden sind, sind echt und wirklich. Vergleiche dich nicht mit den Geburten anderer Mütter.

Trau’ dich, deine Gefühle auszusprechen.

Trau dich zu sagen, dass die Geburt nicht so gewesen ist, wie du es dir gewünscht hast. Sag, dass du traurig und enttäuscht bist.

Deiner Hebamme im Wochenbett. Deinem Partner. Deiner Freundin. Anderen Müttern.

Ich wünsche dir, dass du den für die passenden Weg findest, um dich mit deiner Geburtsgeschichte zu versöhnen und dass du die Hilfe und Unterstützung bekommst, die du brauchst.

 

Erkennst du dich in Nina wieder?

Fühlst du dich von den Zeilen angesprochen?

Berührt dich das Thema? Dann teile diesen Artikel liebend gerne.

 

Ich freue mich, wenn du deine Gedanken und Erfahrungen hier mit mir und den anderen LeserInnen teilst.

Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Geburtsgeschichte ist es wert erzählt, gehört und gelesen zu werden.

 

2 Kommentare
    • Tanja Liebl
      Tanja Liebl says:

      Liebe Andrea,

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Ja, ich denke auch dass es ganz viele Nina’s da draußen gibt. Leider.

      Meine Hoffnung ist es wirklich, dass möglichst viele Nina’s ihre Geburtserfahrungen gut zu verarbeiten können, damit sie einigermaßen „versöhnt“ zurückblicken können.

      Liebe Grüße!

      Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*