Achtsamkeit und Geburtsvorbereitung: Das perfekte Duo!

Kaum bist du schwanger hast du schon die Qual der Wahl:

Geburtsvorbereitungskurs: Ja oder Nein?

 

Wenn ja, welchen bloß nehmen:

  • Klassischer Geburtsvorbereitungskurs
  • Geburtsvorbereitung mit Hypnose (Hypnobirthing
  • Yoga für Schwangere

 

Gleich mal vorweg: Alle Wege führen nach Rom.

Ich würde nicht pauschal sagen, dass das eine unbedingt besser ist als das andere.

Es kommt ganz auf dich an.

Was passt besser zu dir?

Wovon bist du mehr angetan?

 

Ich stelle dir in diesem Artikel ein weiteres Konzept zur Geburtsvorbereitung vor:

 

Achtsamkeitstraining zur Geburtsvorbereitung

“Achtsamkeit ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht und nicht wertend ist.”

Diese Definition stammt von Jon Kabat-Zinn. Er hat einen wesentliche Beitrag dazugeleistet, das Konzept der Achtsamkeit in die westliche Welt zu bringen. Ihre Wurzeln hat Achtsamkeit unter anderem in buddhistischen Lehren.

Kabat-Zinn erkannte den Wert dieses Konzepts und entwickelte die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR). Dieses Programm wird mit großem Erfolg bei Menschen mit chronischen Schmerzen und depressiven Erkrankungen eingesetzt. Die Wirkung und der Nutzen von Achtsamkeit ist mittlerweile durch Studien klar belegt und nachgewiesen.

Das Konzept der Achtsamkeit umfasst spezielle Grundhaltungen und verschiedene Techniken und Übungen:

  • Meditation
  • Bodyscan
  • Yoga-Übungen
  • Atemübungen

 

6 Vorteile von Achtsamkeitstraining in der Geburtsvorbereitung

durch eine achtsame Geburtsvorbereitung gelingt es Dir,

  1. mit weniger Angst und mehr Vertrauen in die Geburt zu gehen
  2. dich mit einfachen Techniken gezielt zu entspannen
  3. dich noch mehr mit deinem Körper anzufreunden und ihn besser zu verstehen
  4. besser mit den intensiven Körperempfindungen einer Geburt umzugehen
  5. nach der Geburt zufriedener sein mit dem Erlebnis, auch wenn es nicht so gelaufen ist wie Du es Dir gewünscht hast
  6. leichter mit der emotionalen Achterbahnfahrt des Wochenbetts zu Recht kommen

 

Geisteshaltungen der Achtsamkeit und wie diese zur Geburt passen

Der Anfängergeist

Hast du einmal beobachtet, wie ein Kind einen Spaziergang unternimmt? Oft ist es im Zeitlupentempo unterwegs weil es viele Dinge zu entdecken gibt. Jeder Stein möchte umgedreht werden, jede Blume möchte beschnuppert werden und jeder Käfer möchte bestaunt werden.

Kinder gehen mit dem Anfängergeist durch die Welt. Der Welt mit dem Anfängergeist begegnen bedeutet jedem Augenblick den wir erleben mit einer frischen, vorurteilsfreien und offenen Perspektive zu begegnen.

Wenn du es übst mit deinem Anfängergeist der Welt und deinen Augenblicken zu begegnen, dann bewirkt dies, dass deine Gedanken nicht mit Bedauern in der Vergangenheit sind und nicht mit Ängsten und Befürchtungen in der Zukunft.

Und so wie du es schaffst deinen Anfängergeist in der Schwangerschaft wachsen zu lassen, so begegnest Du auch der Geburt mit einer besonderen Neugierde.

So wie du erfährst, dass kein Moment dem anderen gleicht, so wird dir bewusst, dass keine Kontraktion der anderen gleicht und dass keine Geburtserfahrung der anderen gleicht.

Jede Kontraktion ist einzigartig.

Jede Geburt ist einzigartig.

 

Nicht werten

Bist du dir einmal bewusst darüber geworden, wie oft du ständig die verschiedensten Dinge, Situationen, andere Menschen oder dich selbst bewertest und beurteilst?

Ein zentraler Aspekt der Achtsamkeit ist der des Nicht-Wertens. Durch die Praxis der Achtsamkeit lernst du diese wertenden Gedanken als das zu sehen was sie sind: Wolken die am Himmel erscheinen, vorüberziehen und wieder verschwinden.

Kennst du das von dir? Du hast fixe und unverrückbare Vorstellungen von einem Ereignis oder einer Sache und du hältst an diesen Vorstellungen fest. Das ist ganz schön schwierig von den eigenen Wünschen und Vorstellungen abzurücken oder?

Stell Dir jetzt weiter vor, dass du mit fixen und starren Vorstellungen in Dein Geburtserlebnis hinein gehst. Und was ist, wenn dann die Geburt nicht im Entferntesten dem entspricht, was du dir im Vorhinein vorgestellt hast?

Das ist ein gefundenes Fressen für Deinen wertenden Geist und Deine bewertenden Gedanken sein.

Und dann könnte es passieren, dass du deine Geburtserfahrungen als eine nicht bestandene Prüfung siehst. Als etwas, dass du „nicht geschafft“ hast oder etwas womit du nicht zufrieden bist.

 

Geduld oder „Alles hat seine Zeit“

Geduld ist ein Verständnis dafür, dass Dinge ihren eigenen Rhythmus haben und nicht unbedingt einem Zeitplan folgen, der von außen vorgegeben wird. Wie geht es dir mit Warten? Bist du ein Mensch voller Geduld oder eher mit wenig Geduld?

Wenn es um Geduld und darum geht etwas „erwarten-zu-können“ ist deine Schwangerschaft und deine Geburt ein guter Lehrmeister.

Du hast die Gelegenheit Geduld zu üben! Und spätestens wenn dein Kind dann geboren ist, wird es dein allergrößter Lehrmeister in Sachen Geduld sein.

 

Nichtstreben

Nach etwas zu streben, bedeutet an einen bestimmten Ort zu gelangen und/oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. In der Achtsamkeit und Meditation gibt es nichts zu erreichen oder zu erlangen.

Es geht einzig um den einen Moment im HIER und JETZT.

Du lernst dir bewusst zu sein, wo du in diesem Moment bist, wie du dich in diesem Moment fühlst und was ist. Und das gilt auch für Situationen die dir unangenehm sind oder schmerzhaft sind.

Diese Fähigkeit ist dir während der Geburt nützlich. Du bist offen dafür, was die Geburtsreise mit sich bringt und stellst dich gut auf Veränderungen ein.

 

Vertrauen

Mit Hilfe der Achtsamkeit ist es dir möglich, Vertrauen zu entwickeln und dein Vertrauen zu stärken. Vertrauen in deine innere Weisheit und deine Person. Ein Vertrauen, dass du mit allem, was die Schwangerschaft, die Geburt und das Leben mit Deinem Kind bereithält, umgehen kannst.

Egal wie anstrengend, schwierig, schmerzlich, beängstigend oder weit entfernt von deinen Vorstellungen dies ist.

 

Anerkennen, was ist

Die Akzeptanz gegenüber von Dingen, Situationen und Erlebnissen ist ein zentraler Punkt der Achtsamkeit. Akzeptieren oder anerkennen was ist, hat nichts damit zu tun etwas über sich ergehen zu lassen, tatenlos zuzusehen oder passiv zu sein.

Akzeptanz ist der aktive Prozess die gegenwärtige Situation wahrzunehmen und anzuerkennen. So ist es dir möglich eine Situation klar zu sehen, wie sie ist.

Es wird Momente geben, in denen du am liebsten davon rennen möchtest, diese verändern möchtest oder einfach nicht wahrhaben willst was ist. Was bringen diese Verhaltensweisen in dem Moment um den es geht?

 

Wie wäre es, wenn du in deine Geburtserfahrung gehst,

  • ohne zu werten was du erlebst,
  • mit einem neugierigen Anfängergeist,
  • mit der Geduld die eine Geburt erfordert und
  • mit der Fähigkeit des Nichtstrebens was ist und
  • dem Vermögen anzuerkennen was ist?

…all das kann dir eine achtsame Geburtsvorbereitung bieten.

 

Ein kleiner Vorgeschmack auf Achtsamkeit

Hast du Lust auf einige Minuten der Achtsamkeit?  Mache es Dir gemütlich und lese die Zeilen in deinem Tempo. Alternativ dazu bitte jemanden dir den Text vorzulesen. Oder du schnappst dir dein Smartphone und nimmst deine eigene Stimme auf.

 

“So, wie Du jetzt im Sessel oder auf einer Couch oder möglicherweise auch gemütlich in deinem Bett liegst und diese Zeilen liest, so lade ich dich ein ….beginn einmal den Kontaktpunkt wahrzunehmen wo dein Körper den Sessel, die Couch oder das Bett berührt…..

 

Vielleicht den Bereich an dem dein Rücken sich anlehnt…..oder den Bereich an dem die Unterseite deiner Oberschenkel die Unterlage berühren…

 

Und vielleicht bemerkst du den Wunsch danach, dich in eine andere, bequemere Position zu begeben….und dem Wunsch einfach nachgeben und geschehen lassen…

 

Bring nun deine Aufmerksamkeit zu deinem Atem und den Körperempfindungen der Atmung…wo auch immer du deinen Atem gerade am intensivsten wahrnimmst…..vielleicht im Bauch oder in Deiner Brust…

 

Oder vielleicht nimmst du gerade den Atem war wie er durch deine Nase einströmt und durch deine Nase oder deinen Mund wieder ausströmt…nimm einfach wahr…

 

Diesen einen Moment jetzt wahrnehmen…einfach nur deiner Atmung deine Aufmerksamkeit schenken…fühle deinen Atem wie er in deinen Körper hinein und wieder hinaus strömt…

 

Und bemerke die Qualität deines Atems….ist er schnell……oder langsam…..tief…..oder flach……einfach wahrnehmen ohne die Atmung beeinflussen zu wollen…..

 

Und vielleicht bemerkst du ein leichtes Gefühl von Entspannung wenn du deinen Atem beobachtest….oder aber du bemerkst irgendwo in deinem Körper Anspannung oder ein unangenehmes Gefühl….eine Empfindung die du erst jetzt bemerkst und zuvor nicht wahrgenommen hast…

 

Möglicherweise eine Empfindung im Bereich deiner Schultern oder deines Nackens…..oder deinem oberen oder unteren Rücken….und einfach die Empfindung wahrnehmen und beobachten ohne zu werten….in diesem Moment…..im Hier und Jetzt…

 

Und wenn in deinem Bauch gerade ein Baby heranwächst, so werde dir in diesem Moment seiner Existenz bewusst…..und wenn es sich jetzt gerade bewegt, dann nimm einfach die Bewegungen deine Babys wahr….in ihrer Qualität…..schnell…..oder langsam…..stark oder sanft…..eher im Bereich des Bauchnabels….oder weiter unten oder oben…

 

Ein Körper der gerade in einem anderen wächst…..genau jetzt in diesem Moment….nimm dir die Zeit zu erfahren was ist…

 

Und dann kehre mit deiner Aufmerksamkeit wieder zurück zu deinem Atem….zu den körperlichen Empfindungen deines Atems….wo auch immer du deinen Atem jetzt genau am intensivsten spürst……und einfach den Atem beobachten….und lass deinen Atem ein Anker für dich sein….ein Anker für das Hier und Jetzt…..in genau diesem einen Moment…jetzt…

 

Und im Laufe der Zeit, wenn du übst mit deinem Atem im HIER und JETZT zu sein, so kann es gelingen mit Stress umzugehen…oder Ängstlichkeit….und Schmerz oder unangenehmen Emotionen…..oder Gefühle….und mit mehr Ruhe …. Und Stetigkeit…..und Stärke…..und Freundlichkeit…..für uns selbst…. Und für andere…..wie sich unsere Leben entfalten…von Moment zu Moment…..Atemzug für Atemzug….”

 

Wo und wie kannst du Achtsamkeit zur Geburtsvorbereitung lernen?

Es werden mittlerweile immer mehr Kurse im Achtsamkeitstraining zur Geburtsvorbereitung angeboten. Ein Konzept ist das von Nancy Bardacke: Mindfulness Based Childbirth and Parenting (MBCP). Nancy ist Hebamme und hat das Programm zusammen mit Jon Kabat-Zinn entwickelt.

Neben Kursen, die über 9 Wochen laufen, gibt es auch kompakte Wochenendkurse.

Sollte es in Deiner Nähe keinen Kurs geben oder du keine Lust darauf hast, kannst ich dir Nancy’s Buch empfehlen: “Der achtsame Weg durch Schwangerschaft und Geburt”

Im Achtsamkeitstraining lernst Du verschiedenen Techniken und Übungen wie die Sitz- und Gehmeditation, den Bodyscan (Übung zur Körperwahrnehmung) und Atemübungen.

 

Fazit

Das Konzept der Achtsamkeit passt wunderbar zum Geburtsprozess und kann dich auf Deiner Geburtsreise positiv unterstützen. Sie bietet dir die Möglichkeit, dein Geburtserlebnis positiv zu beeinflussen und schafft die Möglichkeit, mit allem umzugehen, was dein Geburtsprozess für Dich bereit hält. Achtsamkeit passt auch wunderbar gut zu Hypnobirthing! Darüber habe ich hier geschrieben.

 

Nun bist Du dran!

Lerne mit Hilfe der Achtsamkeit auf den Wellen Deiner Geburt zu reiten!

 

Mich würde es interessieren, ob Du Achtsamkeit kennst und anwendest.

Spricht Dich Achtsamkeit an?

Hast Du eine Frage?

Hinterlasse mir eine Nachricht in den Kommentaren. Ich freu mich!

 

Mein Artikel erschien zuvor im Magazin “The Birth Journey” (Juni 2016). Dies ist die aktualisierte Version.

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*